Atmer und Katzenträume

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5. Okt., 9:34
Neun schwarze Katzen folgen einer grauen durch ein gotisches Portal in ein verlassenes Gebäude hinein, nachdem Augustin (mein Kater, grau) und ich drei riesige Panther aus Porzellan im Fenster desselben Gebäudes bemerkten, die durch die Scheiben auf eine Terrasse blicken, wo wir nach der  vom Revolten-Lieferservice abgelegten Pizza suchten. Drinnen klettern wir stählerne Treppen hoch und runter und kommen in einen blautapezierten Raum, wo eine Dame mit einem Weinglas in der Hand uns erwartet.
Dies ist in Kürze das, was man träumt, wenn Myke Dodge Weißkopf einem seine Lieblingskatze (rot) nach der Konzert-Premiere von Kristen Roos, Anna Friz und Jeff Kolar auf dem Handy zeigt. Davor Besuch bei Sophea Lerner and Emmanuel Madan im Studio, wo über Atmer, akustische Shifts und geisterhafte Frequenzen in Industriebauten gesprochen wurde.

4. Okt., 15:20

Ausruhen in den Loungesesseln, die Mandy Einicke, Marie Schultz, Golo Föllmer, Susanne Feldmann für ihre Ausstellung »Stadträume« in »Das Große Rauschen« bereitgestellt haben. Marktplatzschnack, Kommentare zur Hallensischen Straßenbahn, Flussansichten mit und ohne Nutrias: Die Örtlichen sprechen über ihre Stadt. Der Raum ist dunkel, man ruht bequem und umgeben vom 3D-Sound der Stadt. Ein Bildschirm zeigt Videos zu den geschilderten Szenen.

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15:42
Emmanuel, dessen Installation »Rot und Schwarz« ebenfalls bei »Das Große Rauschen« gezeigt wird, spielt Ausschnitte seiner Arbeit: Zwei »Geräuschfelder«, die einerseits Angela Merkels Räusperer, andererseits Peter Steinbrücks zischende Einatmer wiedergeben. Diese Sprachelemente, sagt Madan, seien für ihn Momente, in denen das Unbewusste zutage tritt, verschleiert in Pausen, Gezöger, Atmern oder Seufzen. Im Hinblick auf Politiker sei das besonders interessant, sagt Sophea, denn schließlich würde gerade von diesen eine bis ins Detail kontrollierte Sprache erwartet. Die Radiosendung entwickelt sich zu einer ausgedehnten Unterhaltung über Stimmen, Sprache und »Zwischen-Akustiken«. Lerner stellt die Arbeit »Shift« vor: Einminütige Aufnahmen, aufgenommen in Momenten eines Ortswechsels, wie etwa dem Betreten/Verlassen eines Gebäudes, Umsteigen in Bus oder Bahn.

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Emmanuel stellt sein Projekt »Silophone« vor, ein langfristig angelegtes experimentelles Soundarchiv, dass auf den Arbeiten/Kollaborationen vieler Künstler beruht, die in einem der größten Industriegebäude Montreals gemacht wurden. Da der ehemalige Getreidespeicher für nomale Passanten zu viele Gefahren birgt, wird er statt von Menschen nun von Klanginstallationen und ihren Tönen und Stimmen neu besiedelt. Dies führt wiederum zu Lerners Kompositionen, die auf den künstlichen Stimmen im öffentlichen Raum der Bahnstationen und Flughäfen beruhen.
Tee und Kuchen kurz dazwischen, und eine interessante Seltsamkeit wird genannt: Tatsächlich sind es gerade diese körperlosen Stimmen, die uns sagen, was wir mit unseren Körpern zu tun haben… außerdem sagen sie uns (zumindest sehr kurzfristig) eine Zukunft voraus: »Achtung: Tür schließt!« Sprächen sie dagegen in der Vergangenheit, wär es bereits eine Art Erzählung… Noch eine andere Erwähnung Sopheas war bedenkenswert: Möglicherweise sei dies scharfe Einziehen der Luft vor dem eigentlichen Sprechen einer »Ökonomie der kalten Luft« geschuldet…. was mir wiederum die »Atemgesänge« der Inuit in den Kopf ruft.

19:20
Im Café, das von der Grande Dame Monica so liebevoll betreut wird. Aus dem Radio erklingt ein Knäuel quietschender E-Gitarren, wild und tröstend zugleich: Sally Ann McIntyre spielt experimentelle Musik aus Neuseeland on Air.