Mosquito-Zauberei: Pipa Musical

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19. Okt., 22:09

Wie verjagst Du einen Moskito, der dich stört? Antwort: Imitiere das Summen eines männlichen Moskitos und das blutrünstige Weibchen wird Reißaus nehmen.

Pipa Musical aus São Paulo brachten die Tropen zu Radio Revolten. Ihre Performance schillerte in einem Mix aus Vokalsamples, Poesie, Topfpflanzen, Beats und Luftballons und schöpfte aus den uralten und idosynkratischen Ritualen, die das Leben der Menschen in Brasilien beeinflussen. Dennoch lag der Stegreif-Vorstellung ein viel ernsteres Problem zugrunde: In den letzten Monaten hat das Dengue-Virus selbst das Zika-Virus überholt, im Vergleich zu 2014 stiegen die Infektionen um 82% an. In einigen Teilen Brasiliens treten mehrere Dengue-Stämme auf, wobei die Immunisierung gegen einen Stamm nicht vor den anderen schützt.

Rogiero Krepski und XTO, die ihre ersten Radiosendungen im Rahmen von Knut Aufermanns und Sarah Washingtons Projekt »Mobile Radio« während der São Paulo Biennale 2012 zeigten, sind dem traditionellen Volksglauben stark verbunden. Ich war neugierig und wollte mehr wissen.

 

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– Erzählt mir etwas über diese Halsbänder, die ihr tragt. Bedeuten sie etwas?

R: Was damit ausgedrückt werden soll ist, dass unsere musikalische Beschäftigung bereits ein Ritual ist. Schon der Gang zum Kleiderschrank und die Wahl der Kleidung und der Accessoires sind bereits ein Ritual, ein Alltagsritual.

– Welche Art von Ritualen gibt es?

XTO: Brasiliens offizielle Religion ist römisch-katholisch, aber wir haben viele verschiedene Volksglauben, die sich damit vermischen.

R: Zum Beispiel steht diese rote Farbe hier für Ogun, den Kriegsgott.

– Zu welchem Glauben gehören Deine Farben?

XTO: Ich glaube an den Karneval. Gerade die Farben, die wir benutzen, sind dem Karneval vorbehalten. Karneval ist ein sehr ernstes Ritual für uns. Die Maske hier habe ich extra für den Karneval angefertigt. Und diese Halsbänder sind auch etwas sehr Besonderes und meine Freunde reißen sich darum.

R: Tatsache ist, zum Karneval kommen wir alle zusammen und feiern dieses für unser Land extrem wichtiges Fest.

– Kauft ihr diese Halsbänder oder werden sie euch von jemandem geschenkt? Sie sehen toll aus und auch ziemlich edel.

R: Sie sind nicht wirklich wertvoll, aber von Juisto angefertigt.

XTO: Ich habe wirklich ein Problem damit einen Preis für sie festzulegen, denn immer, wenn ich sie anfertige, falle ich in eine Art Trance … Also, wenn ich sie mache, denke ich nicht an so was…
R: Weißt Du, die superschicken Girls in den hochhackigen Schuhen, die werden diese Halsbänder wohl nicht mögen. Das ist mehr so was für die Alternativen.

– Möglich. Oder auch nicht. Erzähl mir von der Maske, die Du beim Auftritt getragen hast. Die sieht aus wie eine Schamanen-Maske.

XTO: Die habe ich vor vielen Jahren für den Karneval gemacht. Ich traf einen Fotografen, Charles Fraser, der recherchierte Stammeskulturen und ihre Masken. Da sah ich dann plötzlich ganz viele Masken, die wie die von mir gemachte aussahen. Ich glaube, da gibt es ein kollektives Bewusstsein …

R: … eine kollektive Seele.

XTO: Aber als ich sie schuf, überlegte ich mir nichts dazu.

R: Wir wollen diese variationsreiche Einheit und diese guten Schwingungen rüberbringen.
– Die Show befasste sich auch mit dem von Moskitos übertragenen Dengue-Fieber in Brasilen.

XTO: Das ist ein ernsthaftes Problem!

R: Ja, sehr schlimm, und wir sind weit entfernt von einer Lösung.

XTO: Fakt ist, wir feiern hier… eine kultische Handlung für das Aussterben dieser Moskitos. Wir tun das auch für unseren Freund, der hier bei uns sein sollte. Er wurde vor fünf Tagen mit Dengue infiziert und verpasst nun diese tolle Veranstaltung. Er kann nicht bei uns sein.

R: Deshalb war unsere Performance auch anders, als wir sie ursprünglich geplant hatten. Weil wir alles versucht haben, um ihn von hier aus zu heilen. Wir haben bis zur letzten Minute vor Beginn an unserem Auftritt gearbeitet.

Übersetzung: Der Emil.

 

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