Smoo und die Ladies aus Glas

goblin

26. Oct. 22:00

Natürlich gibt es das Wort »smoo« nicht, aber das Spektrum seiner Verwandten ist schon mal interessant: smooth, smog, smudge, shoe, smooch&smoochy, smut… [weich, Smog, Schmierfleck, Schuh, Schmatzer&schmusig]. Ich fand sogar einen »smooth tooth blacktip shark« (Glattzahn-Schwarzspitzenhai).

Smoo spielt Balladen und La Monte Young’s »Greatest Hits«, da sind improvisierte Gedichte und John Bisset an der elektrischen GItarre und Ivor Kallin an der Geige.

Die Geige klingt zuweilen wie braunes Bandrauschen, Bisset dagegen bearbeitet seine Fender in einem sich beschleunigendem Trancemodus. Man ist noch nicht entschieden, ob man das nun für totalen Freak-Folk or Minimal oder vielleicht für atonale Musik halten soll, als Kallin mit einem abgegriffenen, in fettig glänzendes Plastik gebundenen Schnellhefter ans Mikro tritt und den Mund aufmacht.

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Heraus kommt ein Wortstrom, der dem Wörterbuch des britischen Fehl-Zauberers Catweasel entnommen sein mag: Sind dies Reime? Lieder? Verrückte Gedichte? Hymnen? Zaubersprüche? Er wedelt mit den Händen wie ein Waldschrat, der Eulen jagt, er tänzelt auf der Stelle und spuckt Worte wie ein Marktschreier aus Neu-Delhi, man hört tausend Sprachen in drei Minuten und hundert Witze in zehn, ohne auch nur ein bekanntes Wort zu verstehen.

Inzwischen hat Mr. Bisset seinen schmuddeligen Folkbeat soweit hochgefahren, dass er das Publikum zu gelegentlichem Headbanging verleitet. Dies sind fürwahr glückliche Zeiten, denke ich und schaue zu, wie Ivor die Rückseite seiner Violine ableckt oder daran herumkaut, bevor er sie sich wieder unters Kinn klemmt (nicht ohne sie vorher an seinen Hosen abzuwischen). Wohin ich sehe, liegt ein leuchtendes Lächeln auf den Gesichtern, die Füße wippen, die Köpfe nicken mit. Mr. Kallins Vortrag geht weiter, nun auch mit echten (aber was soll »echt« schon meinen in diesem Zusammenhang?) Worten darin, »Sauerkraut« zum Beispiel, »Hut« und »Hutständer« und »Straße« und es gibt sogar einen Dialog zwischen einem John und einer anderen Person.
Ich bemerke eine Wäscheklammer in Kallins Bart, ich habe keinen Schimmer, was sie dort macht, und ich muss es auch nicht wissen. Ist doch egal, solange man nicht aufhören kann zu lächeln und das Konzert genießt.

 

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Die übliche Umbaupause kam. Auch danach blieb es beim Lächeln, wenn auch aus einer ganz anderen Perspektive. Zwei schöne junge Damen in gestärkten weißen Rüschenblusen (sie waren nicht wirklich gestärkt, sahen aber so aus) lächelten uns an. Und während sie lächelten, und ihr Lächeln erklärten, wurde klar, dass es um sehr ernste Dinge geht: Lächeln als Arbeit. Körper bei der Arbeit. Körper, die ihre Arbeit wie Maschinen verrichten. Das Lächeln als das Werkzeug für die Maschinen bei der Arbeit.

Nicht natürlicherweise, aber offensichtlich ging es hier um Frauen bei der Arbeit. Die Mehrzahl von uns verkauft ihr Lächeln inklusive, nest çe pas? Alina Popa und Irina Gheorghe aus Bukarest sind also das zweite Künstlerduo an diesem Abend. Ihr »Bureau of Melodramatic Research« »untersucht, welchen Einfluss auf die Leidenschaften die heutige Gesellschaft nehmen und wie sich unsere emotionale Beziehung gegenüber einem erschreckend unmenschlichem Universum gestaltet«.

 

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Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen fließen in ihrer Metapher von der »Frau aus Glas« zusammen. Teils imaginäre Figur, teils alter ego der Performerinnen, verkörpert sie die emotionalen Mechanismen, die das Leben im Cashflow des Kapitalismus so ungemein geschmeidig machen…

Der Auftritt des »Bureaus«’ ist ruhig, präzise, poetisch und von ätzender Ironie durchdrungen. Ich habe einen kurzen Ausschnitt ihrer Rede mitgeschnitten, aber da ich das hier schnell hochladen will, bleibt es für (eventuell) später.
Thank you, Ladies, für die Show!