Werkleitz Blow-up

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9. Okt., 0:20 / rückblickend der 9., 14:34

Ach, dieses Gefühl von Parties, die schon halb in den dunkleren Tiefen des Gehirns verschwunden sind und eine Erinnerung an eine Klangcollage hinterlassen, deren Bestandteile nicht mehr wirklich wahrnehmbar sind. Da waren Menschen, Musik, Lächeln, Gespräche, Rauchen, Getränke, Schlaf und ein sehr, sehr langsames Erwachen von all dem nach einer scheinbar glücklichen Bewusstlosigkeit.

Woran ich mich noch deutlich erinnern kann, ist die »Audiovisuelle Werkleitz-Perfomance« in der Moritzkirche und mein Gespräch darüber mit der Wiener Künstlerin Tamara Wilhelm im Garten des Festival-Klubs, ehe Mila Stern bei der Revolten Klub-Party auflegte.
Das Werkleitz-Festival findet zeitgleich (aber kürzer) mit den Radio Revolten statt und präsentiert sich in der Tat als eine echte Parallele, was seine Einstellung zu Verbreitung und Austausch von Musik und Kunst angeht.
Wir (also Tamara und ich) einigten uns schließlich auf »gemischte Gefühle«. Ja, die Musik hatte ihre guten Momente, vor allem gegen Ende der Show … doch nachzudenken blieb über:
– den »Puppentanz«
– die sture Stille nach dem Ende der Musik und eine Person, die aufstand und »Buuuh!« rief
– die visuelle Umsetzung im Allgemeinen.

 

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Alle Infos zum Projekt »Transpositionen« sind hier abrufbar. Dort gibt es viele durchaus historisch und wissenschaftlich interessante Artikel, einschließlich eines zur „Kommunikation mit den Toten“ – aber lest selbst …

Meinem Eindruck nach ist es eher problematisch, eine kindgroße Puppe in einer Kirche zu zeigen (auch, wenn sie – wie hier – zwei Köpfe an jedem Ende hatte und somit für die Verschmelzung der ehrenwerten Komponistenpersönlichkeiten von Bach und Händel stehen sollte). Leif Elggrens Charaktertanz erinnerte mich unter anderem an großes Seelenleid…

 

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Dieser Ausdruckstanz hinterließ beim Publikum offensichtlich Eindrücke des »Altmodischen«, der Verstörung und/oder einer Deplatzierung. Insgesamt schien die komplette Inszenierung zu sehr »von denen da oben, für die da unten« konzipiert. So blieben die Musiker auf der Orgelempore bis auf ihre Hinterköpfe unsichtbar für die Besucher, der von dort herabhängende Bildschirm zeigte in den ersten vier Minuten Projektionen Hampus Lindwalls, gefolgt von einem Linienraster schwarz auf weiß, dann weiß auf schwarz, beides im Zoom: die Veranschaulichung eines suchenden (?), kreativen (?) Bewusstseins (nicht in meinen Träumen!), und schließlich die Figur des Tänzers, schön wie eine weißgrau verwelkende Blume, jedoch ins Horizontale gekippt.

Was uns letztendlich nachdenklich machte, war der atmosphärische Unterschied zwischen Radio Revolten-Zentrale und Kirche. Ich fragte mich (vergeblich, ich weiß), ob diese Aufführung nicht auch in der Rathausstraße hätte stattfinden können. Mit sichtbaren Musikern auf der Bühne und auf Augenhöhe mit den Zuschauern, mit Projektion und Tanz in einem weltlicheren Kontext. Die dem Publikum überreichte Hochglanzbroschüre erklärte, dass der Komponist und Organist sich wegen der berühmten, im Jahr 1925 gebauten Sauer-Orgel für die Moritzkirche entschied, nur diese verfüge über das für die Wirkung der Komposition nötige schöne Klangspektrum. Belassen wir es dabei.

 

Übersetzung: Der Emil