Zerstäubter Zimt: The Envelope of the Hour

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18. Okt. 14:30

Höher und höher die Treppen hinauf ziehen sich die Düfte des Marktes weit unten: Bratwurst, Waffeln, Zimt, geräucherter Fisch. Je höher man steigt desto intensiver scheinen die Gerüche. Halle hat jede Menge Türme zum Erklimmen. Alle Wendeltreppen sind steil, eng und aus Stein gehauen. Dies hier ist der Rote Turm. Im unteren Teil sind die Steinstufen mittig mit Hartholz ausgebessert. Der Turm stammt, wie viele sakrale Gebäude in Halle ,aus dem 15. Jahrhundert, und es brauchte 88 Jahre bis zu seiner Fertigstellung.

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Mit Aufstieg in den zweiten Teil des Treppenhauses weht ein Strom vermischter Stimmen in verschiedenen Sprachen an mein Ohr: Es ist Sarah Washingtons Mehrfrequenz-Installation »In The Air We Share«.
Einige Windungen später habe ich den Eindruck, dass – anders als die Gerüche – die Geräusche eher abwärts schweben… vielleicht ist das aber auch dem jeweiligen Luftdruck geschuldet?
Jedenfalls erreicht mich das Ticken von Uhren, vermengt mit dem metallischen Sirren, das erklingt nachdem eine Glocke geschlagen hat. Als ich die Plattform betrete, schreckt der Wächter auf. Ein Mann in den 40ern mit einem müden Ausdruck in seinen Augen. Vier riesige Glocken dominieren den Raum, auf dem Boden ein Arrangement von kleineren und zwei großen Lautsprechern. »Die Hülle der Stunde« von der kanadischen Radio- und Klangkünstlerin Anna Friz »ist eine Multi-Kanal-Sound-Installation aus Audio-Manipulationen der Radioübertragung der Atomuhr und von Glockenklängen, die Schallresonanz, Aufschub, Strömung und Zerfall von Atom- und mechanischer Uhrzeit erkunden.«

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Als ich den Security-Mann frage, wie ihm die Installation gefällt, antwortet er sehr zurückhaltend, er fände sie »ermüdend«. Sie verursache ihm einen Kopfschmerz später am Abend. »Ich weiß, es ist Kunst, aber für mich ist es erst mal gewöhnungsbedürftig…«

Seltsam ist es doch, denke ich später, Leute unter Klängen leiden zu sehen, die anderen Gedankenspiel und Freunde bringen. Ich wandle noch für eine Weile unter den Glocken und genieße die zeitlose Mischung von Ticken und filigranen Resonanzen, nicht zuletzt aber auch die Lichtflecken, die die Sonne an die Steinwände wirft.