Radio Space is the Place

ws_dto4278-web
Foto: Marcus-Andreas Mohr

Konferenz am 27. und 28. Oktober

5 Panels (Englisch), 1 Workshop (Deutsch), Eintritt: frei

Hallischer Saal der Uni Halle, Universitätsring 5, 06108 Halle
Stadtmuseum Halle, Große Märkerstraße 10, 06108 Halle

Live hören auf UKW 99,3 MHz und per Webstream
Nachhören auf www.radiorevolten.net

Kontakt: info [at] radiorevolten.net

Eine Zusammenarbeit mit dem Seminar für Sprechwissenschaft und Phonetik der Universität Halle-Wittenberg, der Professur Experimentelles Radio der Bauhaus-Universität Weimar und dem SNF Sinergia Forschungsprojekt „Radiophonic Cultures – Sonic environments and archives in hybrid media systems“.

Radioraum (im Sinne eines kontinuierlichen, erreichbaren, veränderlichen Raumes) setzt sich aus durchdringenden und überlappenden Feldern und Formen zusammen. Wir glauben, dass jeder Teil des elektromagnetischen Spektrums genau und gleichmäßig unterteilt werden kann in Kategorien wie AM- oder FM-Radio, Kurzwellenradio, VLF- oder UHF-Frequenzen etc. Jedoch offenbart sich eine ganz andere Realität, lauscht und spielt man mit den Wellen: Frequenzen sind faktisch nicht allein stehend, sondern dicht und überlappend; lärmend, voll von Schwankungen (Fluktuation), Interferenz und dynamischer Aktivität. Radioraum bezieht sich damit auf beides: sowohl auf den symbolischen Raum kultureller Produktion wie etwa auf einen Radiosender, als auch auf die unsichtbaren, aber sehr präsenten Räume dynamischer, elektromagnetischer Interaktionen.
Das Radio des 21. Jahrhundert hat bereits zahlreiche Veränderungen durchlebt: vom Formatradio über die Nutzung als Vertriebskanal bis hin zur Demokratisierung der Produktion durch alte und neue Mediennutzungsmöglichkeiten. Radioraum, wie er durch den Drehknopf am Radio beschrieben wird, steht gleichfalls am Rande größerer Veränderungen – wenn AM-, LW- und Lokalradio-Frequenzen abgeschaltet werden und FM-Radio wohl als nächstes dem digitalen Radio weichen wird. Gleichzeitig haben aber Gemeinschaften, Bürger_innen, Künstler_innen und Student_innen Interesse daran, diese sich leerenden Frequenzen für sich nutzbar zu machen. Es besteht also kein Anlass zur Sorge um das Radio der Zukunft – es gibt schon jetzt zahlreiche Ideen, Aktivitäten und Kunstprojekte für und rund um die ‚postindustriellen Lücken des Radiofrequenzbands‘.
Ausstellungen und öffentliche Präsentationen im Rahmen des Radio Revolten Festival 2016 werden die beeindruckende Vielfalt an Möglichkeiten darstellen – dank den Künstler_innen, die international mit Radioübertragung und Radio arbeiten, um die sozialen, symbolischen und materiellen Übertragungs- und Sendungsräume auszuloten. Welches weitere Potential liegt in den immer umfangreicher werdenden Radio- und Radiokunstpraktiken, die unmittelbar genutzt werden können?
Diese internationale Konferenz vermischt Vorlesungen mit dem Format offener Panels, wo eingeladene Künstler_innen, Praktiker_innen und Forscher_innen zusammen mit den Konferenzgästen die Herausforderungen und Potentiale diskutieren werden, die sich im Rahmen der Arbeit in einem erweiterten Radioraum ergeben.
*Der Titel der Konferenz bezieht sich auf Punkt 7 des RADIO ART MANIFESTO, geschrieben von Robert Adrian im Rahmen von „Immersive Sound/Kunst in der Stadt II„, Bregenz 1998

Do, 27. Oktober | 09:30 – 10:30 | Hallischer Saal | in englischer Sprache
Keynote Lecture von Neil Verma: “Ein Jongleur auf dem Mond”

In den letzten Jahren haben Wissenschaftler auf die Veränderungen des Radioraums reagiert: mit Online-Audio, Radiokunst, Podcasts, historischem Zuhören sowie durch die Verdrängung und Neukonzeption terrestrischen Radios – begeistert/aufgeregt, weil das Radio, als historisches Objekt, einmal mehr bereit ist, seltsam gemacht zu werden. Radio ist nicht genau das, was wir denken, verwendet es war, oder wo es früher. spielen Darkside, ein Drama liegt in der Wahrzeichen 1973 Pink Floyd Album Dark Side of the Moon In diesem Vortrag, wende ich mich, wie Radio selbst angenommen hat und dieses „Fremdheit“ dargestellt, wobei der Schwerpunkt auf 2013 Radio Tom Stoppard. Konzeptalben verknüpfen, Gedankenexperimente und Hörspiele drei Gattungen die Spielnester ineinander Eine dunkle Komödie über Wahnsinn und Klimawandel, macht Darkside den Fall, dass es eine gemeinsame Tradition. so, das Spiel fordert uns auch zu überdenken, wie Radio heute belegt zwei unsichtbare Räume Dabei, die es lange stärker als jedes andere Medium definiert hat – die Luft um unseren Körper und die hören Phantasie in ihnen enthalten sind.

Do, 27. Oktober | 10:45 – 13:00 | Hallischer Saal | in englischer Sprache
Panel 1: Radiophone Kollektivitäten der Zukunft

mit Meredith Kooi, Diana McCarty, Michael Goddard, Philipp Hochleichter, Marcus Gammel (Moderator)

Die Geschichte des Radios ist auf besondere Weise auch eine der Zukunft – der Entwürfe, Imaginationen und Experimente künftiger Gemeinschaften, Gesellschaften oder Kollektive und damit der politischen, theoretischen, im weitesten Sinne ästhetischen und mitunter ganz praktischen Kritik jeweiliger Gegenwarten – gewesen. Ein entscheidender Punkt der Entfaltung von Kritik war dabei immer wieder auch die Verbindung von technischer Übertragung im elektromagnetischen Spektrum mit dem Sound des Radios, die sich schon im Begriff Radiophonie finden lässt. Von dort können dann Fragen gestellt werden, wie: Wer kann sich wie bei wem Gehör verschaffen und wer nicht? Was ergibt das, wenn einzeln verstreut und doch gleichzeitig zusammen Radio gehört wird? Und nicht zuletzt: Wie hört sich das an? Während mit der Digitalisierung in der Geschichte des Radios etwas zu Ende geht, wird gleichzeitig die Frage laut, wo die Zukunft geblieben ist. Dieses Panel geht den Fragen nach zukünftigen radiophonen Kollektivitäten oder Konnektivitäten nach, die sich in diesem Zusammenhang stellen: Wie wurden kritische Techniken und Praktiken des Radiophonen gedacht und wie wären sie in Zukunft zu denken? Welche Rolle spielt die spezifische Konfiguration von Radiophonie; was macht die Verknüpfung zwischen technischen Distributions-Netzwerken und -Infrastrukturen mit Akustik, Hörbarem oder Sound dabei besonders aus? Wie operieren radiophone Konnektivitäten unter gegenwärtigen politischen und technischen Bedingungen; wie bilden sie sich oder könnten sich bilden?

Do, 27. Oktober | 14:00 – 16:00 | Hallischer Saal | in englischer Sprache
Panel 2: Alternative Radiopraktiken und ihre Auswirkungen

mit Irena Pivka, Brane Zorman, Udo Noll, Anna Ramos, Roberto Paci Dalò, Sally Ann McIntyre (Response), Elisabeth Zimmermann (Moderatorin)

Der Radioraum ist veränderlich, zeitlich begrenzt, relational und gemeinschaftlich genutzt. Der Radioraum umfasst sowohl den symbolischen Raum kultureller Aktivitäten zum Beispiel den eines Radiosenders und die zahlreichen Orte des (Zu-) Hörens, als auch reale Räume und das Potential von Menschen und Maschinen immer wieder Distanzen zu überwinden. Ausgehend von Radiostationen / -sendern oder täglichen Programmschemata lassen die an diesem runden Tisch beteiligten KünstlerInnen und KuratorInnen alternative Radiokunst Räume entstehen, in dem sie die Idee des „Radios“ um temporäre, unabhängige und oft tragbare Arbeiten, die Sendetechnologien verwenden, erweitern.

Do, 27. Oktober | 16:15 – 17:30 | Hallischer Saal | in englischer Sprache
Panel 3: Schalt ein, bleib ungestimmt: Von der Politik und Poetik des Funk-Raumes

mit Anna Friz, Sarah Washington, Bernhard Siegert, Gregory Whitehead

Ein erweiterter Begriff von Medien und Übertragung umfasst immer auch Steuerungs- und Kontrollsysteme, die Modernität charakterisieren. Radio ist daher genauso in sich vervielfältigende politische Normen und militärische Imperative eingebettet wie es andererseits als poetischer Raum experimenteller Art genutzt wird.
Dieses Panel wird weit ausholen, um zu ergründen, was auf dem Spiel steht, wenn es um die Gründung, Handlungsfähigkeit und Übertragung unabhängiger Kulturen geht – in einer Zeit massiver globaler und Umweltveränderungen, in der in sozialen und Onlinemedien zu viel befreiendes und innovatives Potential gesehen wurde; damit einhergehend das futuristische Versprechen, Radio würde sich entmaterialisieren und das menschliche Bewusstsein vereinen. Unsere Podiumsteilnehmer betrachten auf kätzerische Weise die Vor- und Postgeschichte der Übertragung und den Raum zwischen den Sendern.

Fr, 28. Oktober | 09:30 – 11:00 | Stadtmuseum Halle | in deutscher Sprache
Workshop: Das Radiostudio als Experimentallabor

mit Ralf Wendt, Günter Heß, Ulrich Gerhardt, Volker Martin

Wie hat es geklungen, wenn die frühen Radiopioniere live auf Sendung gingen, wie wurde Radio gehört und wie wurde aufgezeichnet? Der erste Workshop widmet sich den technischen Bedingungen des Radios der Anfangszeit, simuliert mit den Teilnehmenden eine Live-Moderation und bringt historische Grammophone zum Klingen. Experten stehen Rede und Antwort.

 

Fr, 28. Oktober | 11:30 – 13:45 | Hallischer Saal | in englischer Sprache
Panel 4: Das Radiostudio als Experimentallabor

mit Prof. Dr. Ute Holl, Patrick Bergel, Daniel Gilfillan, Sally Ann McIntyre (ResponsE), PD Dr. Golo Föllmer (Moderator)

Der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger beschreibt Experimentalsysteme als „Maschinerie[n] zur Herstellung von Zukunft“. Wenn sich analog dazu Ton- und Radiostudios als Experimentallabore von Sound auffassen lassen, in denen neue Praktiken und ‚Sprachen‘ des Sound entstehen, was sind Konstellationen von Leuten, Dingen und Apparaturen, die so etwas ermöglichen? Ganz besonders in der frühen Geschichte des Rundfunks besteht ein enges Zusammenspiel zwischen Toningenieuren, Musikern, Redakteuren, Autoren und Regisseuren. Stets ist es die technische Apparatur des Studios, an der die Grenzen des technisch sowie akustisch Möglichen ausgelotet wird. Nicht selten lösen sich dabei Kulturtechniken von ihrer ursprünglichen Technologie. Doch wo genau treffen sich die Praktiken der Beteiligten, inwieweit wird das Studio als eine offene Anordnung begriffen, wo liegen die Unterschiede in der Arbeitsweise zwischen den Ländern und Radiostudios, inwiefern beeinflussen sie sich gegenseitig und welche Traditionslinien gibt es? In einem Workshop wird der Studiosound der frühen Jahre des Rundfunks zum Klingen gebracht, Matthew Herbert (angefragt) erweckt den Radiophonic Workshop aus dem Dornröschenschlaf und zeigt auf, wie Soundexperimente jener legendären ehemaligen Abteilung des BBC heute klingen könnten. Medienwissenschaftler und Rundfunkpraktiker diskutieren gemeinsam über die Lust, Möglichkeiten und Grenzen des Experimentierens im Vergleich zwischen früher und heute.

Fr, 28. Oktober | 15:15 – 17:30 | Hallischer Saal | in englischer Sprache
Panel 5: Radiokunstarchive und künstlerische Archivpraxis

mit Dr. Anne Thurmann-Jajes, Prof. Nathalie Singer, Michael Seemann, Prof. Wolfgang Hagen, Gaby Hartel (Response), Reni Hofmüller (Response), Andreas Feddersen (Moderator)

Der Begriff „Archiv“ hat in den letzten Jahren besonders vor dem Hintergrund des digitalen Umbruchs einen Aufstieg nie dagewesener Dimension erlebt: Assoziationen wie „geheim“ oder „verstaubt“ gehören längst der Vergangenheit an. Das Archiv ist von großem öffentlichen und disziplinübergreifendem Interesse und wurde zum Schlüsselbegriff der Wissens- und Mediengeschichte. Auch im Bereich der Radiokunst blieb dies nicht ohne Folgen: Neue Wege der Distribution sowie der künstlerischen Praxis sind auf Grundlage von Audioarchiven entstanden. Online-Plattformen und Streaming-Technologien haben der freien Szene ganz neue Wege der Öffentlichkeit ermöglicht und Material aus Audioarchiven zugänglich gemacht, das wiederum Ausgangspunkt multipler künstlerischer Arbeiten wurde.
Doch wie und was könnte ein Archiv der Radiokunst unter neu gedachten Vorzeichen sein, das sich als dynamisch begreift und auch in der Realisierung seinem künstlerischen Inhalt gerecht wird? Inwiefern verändern sich die Zeitstrukturen des Radios angesichts digitaler Plattformen? Wie könnte eine zeitgemäße Museumsumgebung für eine „unsichtbare“ Kunst wie die Radiokunst aussehen? Welche Rolle sollten Algorithmen und Metadaten hierbei spielen?
In dieser Podiumsdiskussion sollen mit Kuratoren, Medienwissenschaftlern, Radiotheoretikern und Soundkünstlern alte Konzepte archivischer Ordnung hinterfragt, gegebenenfalls über Bord geworfen und Radiokunstarchive einer multiperspektivischen Betrachtung unterzogen werden. Zudem soll ein gemeinsamer Ausblick für ein neues Archiv zur Radiokunst entwickelt werden.