Das Große Rauschen in der Radio Revolten Zentrale

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Photo: Anna Friz

2. bis 30. Oktober

Öffnungszeiten: täglich 12 – 20 Uhr, montags geschlossen, am 3. Oktober geöffnet
Eintritt: frei

Das Große Rauschen: The Metamorphosis of Radio

Kuratiert von Anna Friz

Die Ausstellung zeigt internationale Radiokunst-Arbeiten, die mit den technologischen Grundlagen von Radio spielen, um es neu zu befragen: Welche Bedeutung kann Radio außerhalb seiner üblichen Funktion als informierendes und unterhaltendes Medium haben?
 
Die ausstellenden Künstler_innen denken das Medium Radio konsequent neu: Ihre Arbeiten untergraben das institutionalisierte Senden, fechten das staatliche und private Eigentum an den Funkraum an und überdenken herkömmliche Radioübertragung, indem sie außerhalb des Studios in neuen Räumen und Situationen stattfinden. Dabei experimentieren die Künstler_innen mit den elektromagnetischen Radiowellen und erklären diese zum Material ihrer Installationen.
 
Gemeinsam schaffen die Arbeiten in „Das Große Rauschen: The Metamorphosis of Radio“ einen Funkraum, der einen eigenständigen Organismus bildet, in dem sich Frequenzen hörbar und unhörbar beeinflussen, überlappen, stören und auf diese Weise auch mit den Besucher_innen in Beziehung treten. Nato-Stacheldraht wird zur Antenne umfunktioniert, aus Transmittern und Empfängern werden Mehrkanal-Klangskulpturen geschaffen, und die Stille wird verhört, um unsere Vorstellungen von den Grenzen des Radios aufzulösen.
 
Mit Arbeiten von Steve Bates, Dinah Bird & Jean-Philippe Renoult, Fernando Godoy M & Rodrigo Ríos Zunino, Golo Föllmer, Gabi Schaffner, Jeff Kolar, Emmanuel Madan, Sally Ann McIntyre, Kristen Roos und Maia Urstad.

Steve Bates

Concertina

(2011) variable Länge

Nato-Stacheldraht, UKW-Radiosender, Radios, Konzertina, Mediaplayer, Verkabelung

Nato-Stacheldraht fungiert als Antenne für einen Radiosender. Das Signal ist eine Komposition aus Sinuswellen von 50 und 60 Hz sowie deren Oktaven, die als tragende Frequenzen die Stromnetze überall auf der Welt repräsentieren. Hinzu kommen Töne einer Ziehharmonika. Diese Signale werden bei der Übertragung verarbeitet und verfälscht. In der Musik spielen Obertöne eine wichtige Rolle, weil sie die Tonleiter erweitern. In Stromnetzen verursachen sie dagegen Lärm im System. So wird auch die improvisierte, schlichte Antenne abweichende Signale produzieren.
Concertina verweist auf das Instrument und den zum Grenzschutz über die Landschaft aufgespannten Stacheldrahtzaun. Die Installation teilt den Ausstellungsraum und unterläuft mit ihrem rundum strahlenden Signal zugleich diese Teilung. Concertina ist eine Kritik der Grenzen, Begrenzungen, Schwellen, und eine Reflexion der wechselseitigen Beziehung zwischen Klang/Musik und militärischer Technik-Kultur, zwischen Grenzschutz und gegenwärtiger Migration.

Kristen Roos

Acoustic Radiator

(2016)

Heizkörper, speziell angefertigte Lautsprecher, modularer Synthesizer, Hochfrequenzempfänger, Lautsprecherkabel, akustische Wandler

Diese Installation nutzt elektromagnetische Radiofrequenzen, die von drahtlosen Geräten ausgesendet werden, und übersetzt diese in hörbaren, fühlbaren Klang. Die Frequenzen, die in der Installation genutzt werden, kommen in alltäglichen Räumen vor: in unseren Häusern, im öffentlichen Raum und an Arbeitsplätzen (zum Beispiel: WLAN-Router, Mobiltelefone, drahtlose Telefone, Babyphone, Mikrowellen). Diese Radiofrequenzen sind normalerweise nicht hörbar und werden für die Übertragung von Informationen, E-Mails, Texten, Videostreams, oder beim Kochen verwendet. Durch das Auffangen dieser Frequenzen und ihre Übertragung in hörbare Klänge werden die drahtlosen Geräte, die unser Leben bestimmen, seziert. Die freigelegten inneren Schichten enthüllen die Geschichte des technischen Fortschritts als eine, in der beispielsweise immer noch Radios und Telegrafen im Inneren von drahtlosen Routern und Mobiltelefonen verdaut werden.
Acoustic Radiator legt jene vergänglichen Schwingungen in den Gedärmen von drahtloser Übertragung frei; verkörpert in einem versteckten Netzwerk der Hochfrequenzkommunikation, das durch niedrigfrequentes Dröhnen, vibrierende Inschriften und morseähnliche Rhythmen offenbart wird.

Gabi Schaffner

I am This Radio

(2016) ca. 4:20 min

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie es wäre, ein Radio zu sein? Dieses erzählt Ihnen, wie sie sich fühlt (es ist weiblich). Das Stück lädt den Hörer zu einer halb gesprochenen, halb geträumten Verbindung. Zwischen dem Labyrinth der Wörter und den Wellen ist ein Schleier von Geräuschen. Lassen Sie sich nicht verwirren: “Stellen Sie es sich wie einen Vorhang in einem Landhaus vor” – oder stellen Sie sich nichts vor und hören Sie den Klängen zu.

Matt Hatter’s Garden

(2016) 11:04 min

Vogelhaus, Sender, Radio

Mr. Hatter harkt das Gras in seinem Garten, während eine Nachtigall singt. Er scheint an einem Tinnitus zu leiden, aber dann ist nicht wirklich klar, wo wir sind: In Matts Kopf? In der Parallelwelt eines Mix-tapes, wo Keats “Ode to a Nightingale” zusammen mit Nachtigall-Gedichten in anderen Sprachen erklingt? Mr. Hatter ist es egal… er wühlt herum, sein Verstand dreht sich mit gelegentlichen Tangomelodien und dem Tropfen der Wasserkannen.
Jeff Kolar

Baby Monitor

(2016)

Babyphone, Elektronik, Funkübertragung, Klangkompositionen

Baby Monitor ist eine Live-Mehrkanal-Audioinstallation für manipulierte drahtlose Babyphone, die die intimen, unsichtbaren und unbeständigen elektromagnetischen Räume enthüllt, die sich in häuslicher Überwachungshardware befinden. Unter Zuhilfenahme unlizensierter Radiofrequenzen erforscht diese Arbeit wie harmonische Interferenzmuster, oszillierende Frequenzen und entfernte menschliche Stimmen uns intim umgeben.

Fernando Godoy M & Rodrigo Ríos Zunino

360°

(2016)

Wechselstrom-Motoren, Arduinos, LED-Taschenlampen, kleine Radios, Radiosender mit kurzer Reichweite, verschiedene Baumaterialien

Rotation, Drehung und Umkreisung sind integrale Bestandteile physischer und spiritueller Welten: sie sind anwesend in den Planetenbahnen, in Elektronen, die den Kern umkreisen, in der mikroskopischen und makroskopischen Welt und nicht zuletzt spielen sie eine Rolle in den überlieferten spirituellen Traditionen, die es überall auf dem Planeten gibt.
360° beschäftigt sich sowohl mit mit rotierenden und vibrierenden Phänomenen als auch mit Radio- und Schallwellen und der Art und Weise, wie sie sich in einem vorgegeben Raum ausbreiten. Eine Reihe von Klängen wird mithilfe von Sendern mit kurzer Reichweite an kleine Radios gesendet, die sich permanent drehen, sodass die Klänge fortwährend verformt und verzerrt werden. Diese Radios gleichen tanzenden Derwischen, die sich um das Zentrum ihres Seins drehen, ihren Verstand leeren und dadurch einen tieferen Kontakt mit den Wahrnehmungen erreichen, die sich jenseits alltäglicher Erfahrungen befinden. Die Trance, die durch diesen kontemplativen Tanz, diese dynamische Meditation induziert wird, welche die Drehungen der Planeten um ihre eigenen Achsen und um die Sonne nachahmt, strebt danach, das Weltliche mit dem Göttlichen zu verbinden, indem sie veränderte Bewusstseinszustände erreicht, die es uns erlauben, das Jenseitige zu erforschen.

DinahBird & Jean-Philippe Renoult

The Hum

(2016) 42:00

10 Radios unterschiedlichen Alters, zwei billige chinesische UKW-Sender und ein Paar perfekt funktionierende Geithain RL906 Lautsprecher

Haben Sie schon einmal nachts schlaflos im Bett gelegen und versucht, die Sie umgebenden Geräusche zu identifizieren? Ist das der Kühlschrank oder der pumpende Bass von Lautsprechern? Kommt es von draußen? Oder ist es vielleicht in Ihnen? Wenn Ihnen dies bekannt vorkommt, sind Sie möglicherweise ein Opfer des Brummens. 1940 wurde das Brummen nachweislich das erste Mal gehört, seitdem plagt es tausende Menschen weltweit. Diejenigen, die es oft hören, beschreiben es als ein tiefes pulsierendes Dröhnen, das keine ersichtliche Quelle zu haben scheint. Verschiedene Gegenstände des modernen Lebens wurden bereits dafür verantwortlich gemacht – Starkstromleitungen, Satellitentrümmer, Mobilfunkmasten, mikroseismische Aktivität, sogar tieffrequente U-Boot-Kommunikation –, doch konnte die Ursache des Brummens bis jetzt nicht eindeutig identifiziert werden.
Diese Installation untersucht unsere Erfahrung mit dem Brummen. Mittels Berichten von Ohrenzeugen, field recordings und elektromagnetischer Interferenzen, verknüpft mit dem Summen und Brummen, das in uns stattfindet, wollen wir das Brummen zurückerobern – als einen Begleiter und akustischen Verbündeten, der Ihre Krankheiten lindert.

Emmanuel Madan

Schwarz-Rot

(2013) variable Länge

Audioaufnahmen auf Mikro-SD-Karten, 16 separate Mini-Lautsprecher

Schwarz-Rot ist eine Installation aus einer Serie von Arbeiten, die Stimmklänge nutzen, die beim zögernden Sprechen entstehen. In diesem Fall wurden Aufnahmen aus einer Fernsehdebatte zur deutschen Bundestagswahl 2013 verarbeitet, in der sich die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr SPD-Rivale Peer Steinbrück gegenüberstanden. Das Arbeitet verwertet die erstaunlich unterschiedlichen Klänge und Geräusche, die die Kandidaten während ihres Sprechens hervorbringen. Merkel benutzt “Ähms” und “Ahs” im Überfluss, während Steinbrück nie zu zögern scheint, jedoch jeden Satz mit einem dramatisch scharfen Einatmen beendet. Schwarz-Rot zeigt daher nicht den Konflikt politischer Ideen sondern ist ein Wortgefecht zwischen klingenden Körpern.
Schwarz-Rot wurde während einer Künstlerresidenz des Internationalen Atelierprogramms des Künstlerhauses Bethanien Berlin komponiert, mit Unterstützung des Conseil des arts et des lettres du Québec und des Ministère des Relations internationales et de la Francophonie du Québec.

Sally McIntyre

collected silences for lord rothschild #1-4

(2010-2012)

Audioaufnahmen, Audiokassetten, Archivmaterialien

Ein Tonarchiv bestehend aus Stille, die von vier ausgestorbenen Vogelarten erzeugt wurde und die sich heute in der Sammlung des „National Museum of New Zealand“ (Nationalmuseum von Neuseeland) befindet. Diese Aufnahmen wurden von Te Papa Tongarewa gemacht, der zu diesem Zweck nicht nur die gewöhnlichen Methoden des Field Recordings benutzte, sondern darüber hinaus auch die paranormale Forschungsmethode EVP (Electronic Voice Phenomenon – dt.: Tonbandstimmen) verwendete. Die Aufnahmen wurden anschließend (2012) als stille (empfängerlose) Übertragung auf einer Insel ausgestrahlt, die sich drei Meilen vor der neuseeländischen Nordinsel befindet und gänzlich als Umweltschutzgebiet klassifiziert ist. Weil sie an dem Versuch scheitert, auch nur eine sehr schwache Spur eines Signals in den einhundert Jahren „toter Luft“ zu finden, die seit der kolonialen Ausrottung vergangen sind, wird diese Arbeit zu einem toten (oder vielleicht tauben) Brief an einen der bedeutendsten britischen Sammler von neuseeländischer Avifauna. Etwas optimistischer stimmt die Tatsache, dass in der Sammlung ursprünglich die Aufnahme einer fünften Vogelart, der Lappenkrähe (South Island kōkako), enthalten war. Da dieser Vogel nicht mehr als „ausgestorben“ gilt, konnte er aus diesem Archiv entfernt werden.

study for a data deficient species (grey ghost transmission)

(2016)

Audioaufnahmen, Mini-UKW-Sender, Radioempfänger, zerstörtes Nest, Archivmaterial

Die Wiederübertragung einer Klangbibliothek von Rufen eines in Neuseeland einheimischen Vogels, des South Island kōkako, aufgezeichnet und gesammelt von dem neuseeländischen Umweltforscher Rhys Buckingham, der fast 40 Jahre lang in den abgeschiedenen bewaldeten Bereichen der Südinsel dem Vogel nachjagte, und dazu beitrug dessen Status im Jahr 2013 von “ausgestorben” in “ungenügende Datengrundlage” (“data deficient”) zu wenden.
Unwirklich und zwingend wie eine verschwommene Fotografie von Bigfoot, stoppen die gesammelten Rufe der Spezies nach 1:26. Diese Aufnahmen sind Fragmente unklarer Herkunft und Lesbarkeit, und enthüllen so die Widersprüche und Grenzen von Feldaufnahmen (field recordings) als Präsenz oder Beweis, und weisen auf die Fiktion des ganzen “natürlichen Archivs”. Außerhalb unseres Luftraums und fern von unseren Radaren verbindet sich der flüchtige “graue Geist” mit der nicht-repräsentativen Poetik des Radios, das Wesen des Mediums, Unbekanntes und Ungehörtes hervorzubringen, die unsichtbare aber immer präsente Bandbreite.

modified radio memorial (a fissure in the line of a public silence)

(2011)

10 Schallplatten-Unikate, tragbare Plattenspieler

Ein Anti-Denkmal-Mahnmal, das die zweiminütige Stille umfunktioniert, die ursprünglich von allen neuseeländischen Radiostationen gesendet wurde, nachdem das Erdbeben am 22. Februar 2011 die Stadt Christchurch verwüstet hatte.
Die Arbeit wird zunächst lediglich als rastloses Suchen nach einem Radiosender wahrgenommen, in dem sich die verschiedenen Schichten der Stille zu einem radiophonen Palimpsest überlagern. In ihrer Form als Aufnahme, mit einer Auflage von 10 individuell von Peter King geschnittenen Schallplatten, die an bestimmten Stellen der Erzählung Endrillen enthalten, kristallisiert sich in dieser Arbeit die landesweite Radio-Stille. Diese zehn „Transkriptionen“ werden nun zu idiosynkratischen zyklischen Ausdehnungen der gesendeten Stille und verlängern die zweifelhafte Politik der verkürzten unbehaglichen Trauerrituale, welche in ihrem Bemühen einen Ersatz für eine Stille zu finden, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht in den Mainstream-Medien präsentiert werden konnte, Vogelgesang enthält sowie Gebete und die verlängerten Hetzreden der kommerziellen Radio-Moderatoren.

Stadträume

Mandy Einicke, Marie Schultz, Golo Föllmer, Susanne Feldmann

Städte prägen sich über das Hören auf besondere Weise ein. Einzelne Orte einer Stadt klingen in uns nach und machen unsere Vorstellung von ihr mit aus. Die Installation Stadträume verbindet Klänge von sieben Orten der Stadt Halle zu einem »Panakustikum«, einer Charakterstudie dieser Stadt.
Die Installation greift Murray Schafers Idee eines »Radical Radio« auf, das den Menschen entschleunigt, indem das Radio hier nicht Botschaften, sondern nur mehr Phänomene überträgt: der Klang ist die Botschaft.

Maia Urstad *im Stadtmuseum, Große Märkerstraße 10

Meanwhile, in Shanghai… (Halle)

(2011-2016)

38 tragbare Radios, 3 UKW-Sender, Mehrkanal-Media-Player, Befestigungsmaterialien

Eine standortspezifische Klanginstallation, die sich seit 2011 fortentwickelt, und aus gesammelten Radio-Ansagen besteht, die sich auf konkrete Orte und Zeiten beziehen: 23 Uhr in Deutschland, Cinco de la Manana en Madrid, Saint Johns 7:30 und währenddessen 7:00 in Nova Scotia. Diese kurzen Ausschnitte werden in einer Komposition mit anderen radiophonen Klängen wie weißem Rauschen, Knistern und Störgeräuschen zusammengeführt. Sie schaffen eine räumliche Polyphonie für radiospezifische Erkundungen von Raum und Zeit – ein Phonogramm eines 24-Stunden-Zyklus auf Sendung.
Radio ist sowohl zeitbasiert als auch gleichzeitig, es ist Nähe und Distanz. Mit dem Anbruch der digital vernetzten Weltzeit spielen Radiostationen keine Rolle mehr in der täglichen Zeitansage. Diese Radio-Zeit- und Ort-Ausschnitte mögen ein flüchtiger Bestandteil der Geschichte des Klangs, an der Schwelle zwischen alltäglicher Vertrautheit und Veralterung sein, die uns an die Vergänglichkeit unseres andauernd vorübergehenden technologischen Fortschritts erinnern.
Diese Arbeit wurde erstmals produziert/geschaffen als Teil des RESONANCE sound
art Network 2011-2012.